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Schulleiter-Treffen Online

„Wir müssen jetzt massiv Druck machen“ Probleme an den Schulen werden immer größer

04.02.2021

„Wir müssen jetzt massiv Druck machen“

Probleme an den Schulen werden immer größer

Bayreuth – „Ich bin am Ende. Ich kann nicht mehr.“ Immer häufiger sind solche Äußerungen von Schulleiterinnen und Schulleitern zu hören und in Briefen an Verbandsvertreter zu lesen. Immer mehr Aufgaben kumulieren bei den Schulleitungen, macht der oberfränkische Bezirksvorsitzende im Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnen-Verband (BLLV) klar. Auch unabhängig von Corona, das nun noch dazu kommt. Online hatte der BLLV 72 oberfränkische Schulleiterinnen und Schulleiter zusammengebracht.

„Wir wollen zuhören“, wandte sich BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann an die Betroffenen aus Oberfranken und wollte aus erster Hand hören, wie hier die Situation ist. Der BLLV habe schon zu Schuljahresbeginn gemerkt, dass heuer alle im Schulbereich besonders stark belastet sind. Besonders schwierig entwickelt sich immer mehr die Situation der Schulleiterinnen und Schulleiter. Der BLLV hatte bei einer Pressekonferenz mit unmittelbar Betroffenen die Situation sichtbar gemacht. Gerade seitens der Eltern habe es darauf viel Zuspruch gegeben, weil diese so von den Schwierigkeiten erst erfuhren. „Wir müssen mit den Eltern zusammenhalten.“

Immer mehr Aufgaben werden allen an der Schule aufgebürdet – obwohl es wegen Corona und Lehrermangel ohnehin unglaublich viel zu tun gibt. „Keine Zusatzprojekte, keine Zusatzaufgaben“ verlangte sie in der jetzigen Situation.

Seit Mitte November bekommt der Hauptpersonalrat hauptsächlich Überlastungsanzeigen und Eingaben von Schulleitungen, berichtete Vizepräsident und Hauptpersonalratsvorsitzender Gerd Nitschke. Und auch von Lehrkräften die nicht mehr können. Viele Schulleiterinnen und Schulleiter sind auch Klassenleiter. Gerd Nitschke machte eine Abfrage, wie es den Kolleginnen und Kollegen geht: In Unterfranken sind derzeit 16 Leitungsstellen nicht besetzt. In seinem heimatlandkreis wird eine Schule von der Konrektorin geführt, eine andere von der Leiterin einer Nachbarschule zusätzlich. Weil sich niemand mehr bewirbt. Eine Leiterin einer großen Schule ließ sich als normale Lehrerin zurückstufen, war aber so fertig, dass sie nun vorzeitig in den Ruhestand versetzt werden musste. 14 Konrektoren und vier Rektorstellen in Oberbayern allein im Jahr 2021, 14 Konrektoren in Schwaben, in Niederbayern vier Konrektoren, drei Rektoren, drei Sonstige. Funktionsämter sind nicht mehr so gefragt wie einst.

In Nordrhein-Westfalen bekommt kein Schulleiter mehr weniger als A 14.

Vielfältig waren die Schilderungen der oberfränkischen Schulleiterinnen und Schulleiter. „Ich kann mich all dem nur anschließen“, erklärte die Leiterin einer Schule mit 14 Klassen. Das Personal habe auch mehr Schwierigkeiten. Der Stundenplan muss wegen Corona umgebaut werden. Im Prinzip leite sie jetzt auch ein großes Testzentrum. Die Elternarbeit hat sich erheblich ausgeweitet. Allein die vielen Telefonate mit verunsicherten Eltern seien unerlässlich, aber verlangen viel ab. Es müssen auch Aufgaben für die einfach überlasteten Gesundheitsämter übernommen werden. Die Mobilen Reserven sind mittlerweile abgezogen. Kollegen sind in Quarantäne oder wegen „Kindkrank“ zu Hause. Zugleich werde ihr gesagt sie darf keine Klassen zuhause lassen. „Wir gehen mehr als im Grenzbereich.“

Nur zweieinhalb Tage hat ein anderer Schulleiter eine Sekretärin. So muss er alle Angelegenheiten im Kopf haben und bewältigen. Rund 40 Lehrkräfte sind an einer Grund- und Mittelschule heuer von ihm zu beurteilen, erklärte ein Rektor. Das verlangt Unterrichtsbesuche und Mitarbeitergespräche. Nur wegen der unglaublichen Flexibilität der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist dies zu schultern.

„Man zerreißt sich zwischen Schulleitung und Klasse“, meinte eine andere. „Mir macht die ständige Erreichbarkeit zu schaffen“, sagte eine Leiterin aus dem Hofer Raum. „Auch an den Wochenenden und in den Ferien. Zuletzt kamen die Pooltestergebnisse um 1.30 Uhr.“ Diese haben Auswirkungen auf den Unterricht am kommenden Schultag. Daraus ergibt sich oft die starke Belastung, gar nicht mehr loslassen zu können, meinte Vizepräsident Gerd Nitschke.

„Gerade die Planbarkeit ist zusammengebrochen“, stellte eine andere fest. „Ihr machte eine tolle Arbeit im BLLV“, lobte sie. Derzeit sind viele Berufsgruppen wegen Corona überlastet. Im Schulbereich gab es schon vor Corona Bauchschmerzen wegen der wachsenden Aufgaben. Mittlerweile sei auch der Arbeitsschutz ein Thema an der Schule. Eigentlich ist der Sachaufwandsträger zuständig, vor Ort muss sie dies leisten. Selbst hinsichtlich der Sicherheit beim Wasserkochen ist sie nun dabei. Dazu Systembetreuerin für die Computeranlage. Sie muss die Impfpässe wegen der Masernimpfung nachschauen. „Mir geht es nichts an was sonst noch dort drinnen steht, aber ich sehe es halt auch“, beklagte sie.

Im Fachlehrerbereich gibt es keine Mobilen Reserven. An einer Schule fiel der Fachlehrer für Technik aus. Jetzt versucht der Schulleiter dies zu vermitteln und ist nun an drei Nachmittagen dafür zusätzlich in der Schule.

„Ich bin Klassenleiterin einer Flexklasse mit 27 Schülern“, berichtete eine Schulleiterin. Mehr als 20 Kinder in solchen jahrgangsübergreifenden Klassen findet sie nicht gut. „Wir verbrennen Lehrerinnen und Lehrer, die sich enorm engagieren.“

Eine Teilnehmerin berichtete von einer enorm engagierten Kollegin, die trotz Anmeldung nicht teilnehmen konnte. „Sie sitzt weinend zu Hause.“ Eine Lehrerin an deren Schule ist plötzlich mit Burnout ausgefallen. Ihr wurde von den Verantwortlichen gesagt, sie soll selbst nach einer kreativen Lösung suchen. „Wie soll das gehen?“

„Ihr wisst schon, dass ihr nicht mehr als zehn Stunden am Tag arbeiten dürft“, sagte jemand. „Wir brauchen auch Mut etwas nicht zu machen.“

Kritisiert wurde die fehlende Zusammenarbeit der verschiedenen Ebenen. „Schulleiter werden nur noch als Befehlsempfänger degradiert“, ärgerte sich eine Rektorin. Allzu oft gibt es keine Offenheit für Vorschläge von unten. Sie möchte nicht Lehrerinnen und Lehrer zwingen müssen, riesengroße Kombiklassen zu übernehmen.

„Wir müssen Entscheidungen treffen, selbst wenn diese über unsere Kapazität hinaus gehen“, kritisierte ein Teilnehmer. Es könne nicht sein, dass dann nur Mitglieder im BLLV von dessen hervorragender Rechtsabteilung Hilfe bekommen.

„Die Karre aus dem Dreck ziehen dürfen wir vor Ort schon“, beklagte sich auch BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann. Was können wir tun damit die Arbeitsbedingungen besser werden? „Wir suchen nach Möglichkeiten, und wenn es nur kleine Erleichterungen sind“, erklärte Bezirksvorsitzender Henrik Schödel. Der oberfränkische Bezirksvorsitzende ruft zu einer gemeinsamen Aktion auf, mit der die Probleme dem Kultusministerium deutlich gemacht werden sollen. „Ich habe einen Brief mit Forderungen an den Kultusminister.“

Zusätzlich rief Schödel die oberfränkischen Schulleitungen auf, ihm Briefe zuzuschicken, in denen möglichst viele ganz konkret ihre Schwierigkeiten schildern. Ganz einfache Beispiele, auch solche die über Corona hinaus gehen. Die Forderungen mit all den Schreiben schickte er am 11.01.2022 an den Kultusminister. „Ich will zeigen, dass es kein Einzelfall ist. Zeigen, dass ganz viele SchulleiterInnen Probleme haben.

Hier die Forderungen aus dem Brief:

  • Keine Klassenführungen für Schulleitungen!
  • Weniger Unterrichtsverpflichtungen, mehr Leitungszeit für Schulleitungen!
  • Mehr pädagogisches Personal, mehr multiprofessionelle Teams! Bessere Ausstattung und Bezahlung der Verwaltungsangestellten!
  • Keine weiteren zusätzlichen Aufgaben in der jetzigen Zeit (Wettbewerbe, neue Konzepte, etc.)
  • Mehr Vorlauf zur Umsetzung von Entscheidungen, besserer Einbezug der schulischen Realität!
  • Klare politische Entscheidungen in der Corona-Situation und einen regionalisierten Index, wann Schule in Präsenz stattfindet und wann nicht mehr!
  • Finanzielle Verbesserungen, die dem besonderen Engagement und der außerordentlichen Belastung der Schulleitungen und Verwaltungsangestellten Rechnung trägt.